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© Steinbacher© Synthesa© Cemix

Angebot und Nachfrage

28.11.2017

Steigende Rohstoffpreise wirken sich derzeit auf die Herstellungspreise von Dämmmaterial aus – die Branche ist trotz allem positiv gestimmt.

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Preissteigerungen beim Rohöl, Versorgungsengpässe und eine hohe Nachfrage: Die Dämmstoffbranche kämpft derzeit mit immer teurer werdenden Rohstoffen. Für die gesamte Wertschöpfungskette könnten dadurch mitunter Nachteile entstehen – die letztlich durch eine Preiserhöhung oft nur bedingt an den Endkunden weitergegeben werden können. Trotz allem beweist eine sehr gute Konjunkturlage, dass die Dämmbranche auf dem richtigen Weg ist. Und die Vielfalt am Markt zeigt, dass es für Verarbeiter und Endkunden zahlreiche Möglichkeiten gibt.

Polystyrol unschlagbar

„Die aktuellen Preisentwicklungen ergeben sich zum einen natürlich durch einen steigenden Ölpreis – derzeit liegen wir bei 58 Euro für die Sorte Brent pro Barrel; vor nicht allzu langer Zeit waren es noch 52 Euro“, skizziert Synthesa-GF Wolfgang Panholzer die Situation. „Doch die Hauptgründe sind die wenigen Anbieter von Rohstoff für die Styroporproduktion, die hohe Nachfrage sowie Versorgungsengpässe der Grundstoffproduzenten – aus welchen Gründen immer.“ In Sachen Kundenkommunikation müsse man auch hier sehr diplomatisch vorgehen: „Nicht immer herrscht Verständnis, da Offerte oftmals Preisbindungen über längere Zeiträume erfassen. Das ist ein negativ besetztes Thema für alle Unternehmer, aber letztlich müssen wir uns daran gewöhnen, denn nicht nur Styropor ist markant teuer geworden – auch andere wichtige Rohstoffe unserer Branche sind betroffen.“ Alternativen zu klassischen Dämmstoffen bietet natürlich auch der Dämmstoffprofi zum Beispiel mit einer Fassadendämmplatte aus Hanf. Ausgezeichnet mit dem Umweltzeichen und dem Klimaschutzpreis 2013, sind Capatect-Hanffaserdämmplatten aus regionalen, nachwachsenden Rohstoffen gefertigt und eignen sich als WDVS-Dämmstoff im Capatect-Öko- Line-Dämmsystem. Trotz allem sei Polystyrol laut Panholzer in Preis und Leistung aber noch immer unschlagbar, denn der Dämmstoff habe in Relation zu den fertigen Systemkosten pro Quadratmeter einen relativ geringen Anteil.

Hohe Volatilität

„Die Volatilität bei Dämmstoffen gab es schon immer, aber heuer war es besonders dramatisch“, erläutert auch Austrotherm-GF Gerald Prinzhorn. EPS-Dämmstoffe bestehen beispielsweise zu 98 Prozent aus gut dämmender Luft. Die zwei Prozent „Gerüst“ sind Polystyrolrohstoffe, die preislich in den letzten Monaten sehr stark geschwankt sind. Dabei habe sich die Preisentwicklung der Vorprodukte des Rohstoffes, wie beispielsweise Styrol, vom Ausgangsprodukt Erdöl entkoppelt. „Bisher konnten wir den Kunden sagen: Ihr könnt die Preisentwicklung an den Zapfsäulen ablesen. Das stimmt derzeit nicht mehr. Es gibt Verknappungen bei Polystyrolrohstoffen und somit auch höhere Preise.“ Trotz allem verschaffe die gute Baukonjunktur allen Dämmstoffen heuer eine gute Abnahme, eine geringere Verfügbarkeit sei aber auch im Bereich anderer Dämmstoffe spürbar. Und auch für Prinzhorn ist klar: „EPS ist ein Dämmstoff, der vom Preis-Leistungs-Verhältnis trotz der Steigerungen für viele Anwendungen unschlagbar bleibt.“ Eine sehr attraktive Alternative zum klassischen weißen Styropor ist dabei das graue Austrotherm EPS Plus, das sogar um 23 Prozent besser dämmt. Und auch mit Austrotherm Resolution ist ein neuer Dämmstoff am Markt, der besonders bei engen Platzverhältnissen seine Vorzüge ausspielt – mit einer Wärmeleitfähigkeit von 0,022W/(mK). Auf die Frage, inwiefern Preissteigerungen an die Kunden weitergegeben werden müssen, stellt Prinzhorn fest: „Kurzfristige Preissteigerungen sind für die gesamte Wertschöpfungskette – mit Ausnahme des Styrolproduzenten vielleicht – von Nachteil. Wir als Hersteller müssen einen großen Teil dieser Erhöhungen schlucken, weil wir unsere Kunden auch nicht über Nacht voll belasten wollen. Wir können nur hoffen, dass bei längerfristigen Preislegungen in Zukunft diese Rohstoffkomponente vermehrt berücksichtigt wird.“

Hochwertiger Rohstoff

Auch Klaus Pilz-Wallner, Leiter der Division bei Cemix Österreich, stellt fest: „Das recycelte EPS ist einerseits ständigen Preiserhöhungen unterworfen, andererseits – was noch viel schlimmer ist – tritt auch eine Verknappung am Markt auf. Das dürfte auf verschiedene Faktoren zurückzuführen sein: Ein steigender Bedarf in Österreich an geschreddertem (recyceltem) EPS im Dämmschüttungsbereich ist nur ein mäßiger Einflussfaktor.“ Als Teil der Lasselsberger-Gruppe verarbeitet und vertreibt Cemix in Österreich unter anderem recyceltes EPS (expandiertes Polystyrol) für verschiedene Dämmschüttungen im Innen- und Außenbereich sowie verschiedene EPSProdukte im Fassadenbereich. Laut Pilz-Wallner werden teilweise Mengen von recyceltem EPS von Deutschland abgezogen, wo von einem stark steigenden Bedarf gesprochen werden kann. „Höherqualitatives EPS – wie speziell alte Fassadendämmplatten aus EPS, das recycelt werden kann – dürfte ebenfalls nicht ausreichend verfügbar sein. Es wird auch über eine künstliche Verknappung gemunkelt, die natürlich Einfluss auf eine bessere Preisbasis für die Lieferanten bieten würde.“ Recyceltes EPS aus umliegenden östlichen EU-Staaten dürft e dabei der Verknappung entgegenwirken, vermutlich aber auch an der Preisschraube mitdrehen. Die Att raktivität von Alternativen – wie etwa Dämmstoff e auf mineralischer Basis – steige zwar, halte sich aber noch in Grenzen, nicht zuletzt aufgrund einer teilweise schlechteren Dämmeigenschaft . Auch die Weitergabe von Preiserhöhungen ist laut Pilz-Wallner schwer umzusetzen: „Nachdem Preise meist über einen längeren Zeitraum vereinbart sind, werden hier kaum Preisveränderungen akzeptiert.“ Cemix hat hier allerdings auf die veränderten Bedingungen reagiert und in eine eigene Anlage zum Aufschäumen von Polystyrol investiert. „Wir stehen kurz vor der Inbetriebnahme und freuen uns, somit hochqualitatives EPS unseren Kunden und somit den Endkunden bieten zu können.“

Raum für Innovationen

Für Udo Klamminger, GF der Knauf Insulation GmbH in Österreich, sei vor allem die starke Verknappung der Produktionskapazitäten für den Rohstoff Styrol ein Grund für die erhöhten Preise. Auch gestiegene Energie-, Transport- und Lohnkosten, die über die vergangenen Jahre off ensichtlich nicht oder nur zaghaft an den Markt weitergegeben wurden, spielen eine Rolle. „Fakt ist aber auch, dass die Preise in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken sind. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem die Wirtschaft lichkeit nicht mehr gegeben ist und die Preise angepasst werden müssen“, so Klamminger. „Über einen längeren Zeitraum betrachtet, ist die jetzige Erhöhung mehr als überfällig und meines Erachtens gerechtfertigt. Der Preis muss sich auch im Wert widerspiegeln und Raum für Investitionen und Innovationen geben.“ Gerade im Wohnbau und speziell im geförderten Bereich sollte Dämmstoff en der Vorzug gegeben werden, die mehr bieten als nur gute Wärmedämmung zu einem günstigen Preis. „Qualitätsprodukte wie beispielsweise Mineralwolle sorgen zusätzlich für die nötige Sicherheit und Wohnqualität der Bewohner durch optimalen Brandschutz sowie Schallschutz. Und Mineralwolledämmstoff e sind außerdem ökofreundlich.“ Private wie auch öff entliche Investoren werden laut Klamminger hier immer sensibler. „Dämmstoff e aus Glas- oder Steinwolle von Knauf Insulation überzeugen zweifellos durch ein stimmiges Preis-Leistungs- Verhältnis und bieten eine echte Alternative mit Mehrwert.“ In Sachen Preisweitergabe an Kunden setzt Klamminger auf Information: „Auch wir als Industrieunternehmen sind aufgrund der ständigen Kostensteigerungen rund um Rohstoffb eschaff ung, Produktion, Personal, Energie und Transport gezwungen, Preisanpassungen für unsere Produkte vorzunehmen, damit wir den gewohnten Qualitätsund Servicelevel halten und verbessern können. Wir sind jedoch sehr bemüht, die Preiserhöhungen so gering wie möglich zu halten und informieren unsere Kunden rechtzeitig. Nur so kann eine erfolg reiche Zusammenarbeit funktionieren, und das wird auch vom Kunden akzeptiert. Eine Preisanpassung, die in etwa der jährlichen Infl ation entspricht, halte ich in jedem Fall für vertretbar.“

Vorausschauend planen

„Erdölderivate verhalten sich preislich nicht oder nicht immer linear zum Rohölpreis“, erläutert Steinbacher-GF Roland Hebbel. „Styrol ist ein global gehandeltes Produkt, und es hängt sehr viel davon ab, ob am Weltmarkt genug zur Verfügung steht. Im Moment ist Styrol äußerst knapp: Geplante als auch ungeplante Produktionsstillstände bei den Rohstoffl ieferanten verringern den Ausstoß der Anlagen in Europa und Übersee, die auch nicht kompensiert werden können.“ Der Hauptgrund ist für Hebbel aber die globale Hochkonjunktur, die die Preise aller Commodity-Produkte in die Höhe treibe: „Heft igste Aufschläge bei Styrolkunstoff en sind die Folge, was sowohl uns als auch unseren Vorlieferanten, sprich den Rohstoffh erstellern, massive Probleme bereitet. Der Kampf für uns EPS-Platt enhersteller wird dadurch noch härter, weil zum Wett bewerb nun einfach noch massiv steigende Kosten hinzukommen.“ Langfristig sei aber gesagt, dass Styrol trotz alledem immer noch relativ günstig ist und die daraus erzeugten Produkte ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis haben. Darüber hinaus wären auch andere Dämmstoff e von enormer Nachfrage betroff en und hätt en sich enorm verteuert – wie zum Beispiel Steinwolle. Wie viele andere setzt auch Hebbel auf transparente Kundeninformation, das ist für ihn aber nicht nur eine Bringschuld: „Entlang der Wertschöpfungskett e sollten alle Marktt eilnehmer aus einschlägigen Medien und dem Marktumfeld über die derzeitige Situation Bescheid wissen, viele Kunden wollen es aber noch nicht wahrhaben“, skizziert er. „Mitt elfristig wird es jedoch aufgrund der wirtschaft lichen Rahmenbedingungen für alle Beteiligten notwendig sein, kaufmännisch mit mehr Weitblick zu agieren. Für Gewerbekunden und Verarbeiter bedeutet dies beispielsweise, ihren Dämmstoffb edarf vorausschauender zu planen und nicht von der Hand in den Mund zu leben.“

Nachhaltig und langlebig

Alternativlösungen, die zudem in Sachen Brand- und Schallschutz ganz vorn mitspielen, sind Dämmsysteme aus Steinwolle. „Baustoff e müssen heute hohen Anforderungen gerecht werden. Sowohl Endverbraucher wie Häuslbauer und Sanierer, aber auch Profi s wie der Handel und Verarbeiter erwarten nicht nur nahezu grenzenlose Gestaltungsmöglichkeiten, sondern auch eine unkomplizierte Verarbeitung und Langlebigkeit der Produkte bei einem gleichzeitig ausgewogenen Preis-Leistungs-Verhältnis“, erläutert Manfred Wagner, Vertriebsleiter Rockwool Österreich. „Aufgrund der Vielzahl an unterschiedlichen Produkten am Markt ist die Auswahl für die individuell richtige Lösung oft die größte Herausforderung. Deshalb ist es wichtig, die eigenen Anforderungen genau zu defi nieren und das Gesamtpaket zu betrachten.“ Und genau darin sieht Wagner auch die Vorteile von Steinwolle als Dämmmaterial: Als nichtbrennbares Produkt verfügt ein Dämmsystem auf Steinwollebasis über erhebliche Vorteile. „Wir sind davon überzeugt, dass der Wert und Nutzen einer nachhaltigen und modernen Dämmung aus Steinwolle mit der Überlegenheit in Brandschutz, Schallschutz und Langlebigkeit den nicht mehr allzu großen Preisunterschied zu günstigeren Dämmstoff en rechtfertigt.“ Dass Dämmstoff e aus Mineralwolle auch im geförderten Wohnbau erfolgreich Einsatz fi nden, zeigt das Wohnprojekt Att emsgasse 31 im 22. Wiener Gemeindebezirk: Dort wurde bei der Errichtung im Jahr 2014 eine Kellerdecke zum Mitbetonieren aus dem Hause Rockwool verarbeitet. So überzeugt Decrock mit einem außergewöhnlich niedrigen Lambda-Wert von 0,036 W/(m*K) für eine hervorragende Wärmedämmung. Darüber hinaus ist sie einfach in der Verarbeitung: Die Platt en werden kurzerhand in die Schalung eingelegt, zusätzliche Befestigungsmitt el sind nicht erforderlich. Zusätzlich lassen sich mit Decrock bis zu 30 Prozent schlankere Konstruktionen erzielen – durch das eingesparte Dämmstoff volumen ergeben sich zusätzlich Vorteile beim Transport und in der Baustellenlogistik.

Autor: 
Christina Mothwurf
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