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© Vera Bauer© Vera Bauer© Aichinger GmbH

Mit Leidenschaft und Herzblut

17.09.2019

Wenn zwei Schwestern einen Tischlereibetrieb übernehmen, kann man schon erahnen, dass die Sache Hand und Fuß hat. Nichts wird bei Katrin und Martina Kahr dem Zufall überlassen.

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Die säuberlich aufgeräumte Werkstatt der Tischlerei Kahr in Semriach kann für die beiden Geschäftsführerinnen Martina und Katrin nicht ordentlich genug sein, wenn das Tischler ­Journal vor Ort ist und einen Schnappschuss machen will. Hier ahnt man bereits: Der Betrieb wird mit viel Liebe zum Detail und dem nötigen Fingerspitzengefühl geführt. Beim Lokalaugenschein sind alle Mitarbeiter gerade unterwegs auf Montage – so soll es auch sein. Eine Schule wird mit neuen Klassenmöbeln ausgestattet, eine Fleischerei bekommt ihren neuen Verkaufsstand. ­Martina Kahr ist seit 2008 Geschäftsführerin, Schwester Katrin seit 2016. Übernommen haben sie den Betrieb vom „Senior-Chef“, wie die beiden ihren Vater liebevoll nennen.

Am Fuße des Schöckls

Peter Kahr legte den Grundstein 1976 im elterlichen Bauernhof am Grazer Hausberg, dem Schöckl. Zwei Jahre später übersiedelte er in die Nähe des Ortskernes nach Semriach in das neu errichtete Firmengebäude. Ein Startkapital von der Bank zu bekommen, war damals nicht einfach. Vater, Onkel und Co mussten als Bürgen herhalten. „Die ersten Jahre wurde nichts verdient, sondern Zinsen für das Darlehen zurückgezahlt“, erzählt Peter Kahr. Man merkt im Gespräch – seine Töchter haben den Elan geerbt. Dass die beiden den Betrieb einmal übernehmen würden, war eine Frage, die sich gar nicht stellte – es war einfach klar. Ebenso wie es früher normal war, am Sonntag beim Mittagsschnitzerl eine Anfrage zu erhalten, Peter Kahr möge einem Kunden noch am selben Tag einen Zuschnitt machen. „Das war völlig normal für uns“, sagt Katrin Kahr. Heute müsse man sich aufgrund der schnelllebigen Zeit da schon ein wenig abgrenzen. Aufträge seien so schon genug da.

Tischlerei-Urgestein: alles aus eigener Fertigung

Die Tischlerei legt Wert darauf, alle Möbelteile noch selbst herzustellen. „Wir fertigen in unserem Betrieb jedes einzelne Möbel auch noch selbst“, informiert Martina Kahr. Seit mehr als 20 Jahren ist der Betrieb im Auftrag der Firma Aichinger GmbH im Ladenbau tätig – mehrere hunderte Objekte hat man bereits ausgestattet, darunter viele Bäckereien und Fleischereien im Raum Österreich und weit über die Landesgrenze hinaus. In der Werkstatt lagert derzeit Altholz. „Das ist nach wie vor sehr nachgefragt bei unseren Kunden“, erzählt Martina Kahr. Zirbe werde seit einiger Zeit auch wieder stärker verlangt. Die Schwestern freuen sich momentan auch über einen Auftrag für ein Jugendzimmer aus Zirbe. „Die Eltern haben schon beim ersten Kind eines bestellt, jetzt ist das zweite Kind dran“, so Martina Kahr. Bei der Produktion wird auf Wunsch der Eltern darauf Wert gelegt, dass die Möbel bis ins Erwachsenenalter den Kindern Freude bereiten und sie diese beim Auszug auch mitnehmen können. „Nachhaltigkeit ist bei uns ein großes Thema“, erläutern die Schwestern. „Nachhaken, bewusst hinschauen und dem Kunden erklären, warum es sich lohnt, verantwortungsvoll mit der Umwelt umzugehen“, sagt Katrin Kahr. Unnötig zu erwähnen, dass die verarbeiteten Hölzer alle aus der Umgebung stammen. 

Über Fachkräfte und alte Maschinen

Genauso haben aber auch noch alte Maschinen ihren Platz, wie eine alte Kreissäge. „Teilweise sind diese Maschinen besser – oder sagen wir – massiver als die neuen“, meint Martina Kahr. Automatisierung im großen Stil ist derzeit für den Familienbetrieb zwar noch kein Thema – dass aber auch kein Weg daran vorbeiführen wird, steht für die beiden Geschäftsführerinnen fest. Ebenfalls kein Weg vorbeiführt der Meinung der beiden nach, möglichst frühzeitig die Werbetrommel für den Tischlereiberuf zu rühren. Es sei fast zu spät, erst im Jugendlichen-Alter auf die Fachkräfte von morgen zuzugehen. Das müsse bereits im Kleinkindalter geschehen. Der Betrieb lädt daher regelmäßig Kindergärten dazu ein, sie zu besuchen. „Damit die Kinder so früh wie möglich mit dem Rohstoff Holz in Berührung kommen“, so die Kahr-Schwestern. Martina Kahr ist wie ihr Vater in der Prüfungskommission für Lehrabschluss- und Meisterprüfungen tätig. Ihr fällt auf, dass oftmals Lehrlinge, die über den zweiten Bildungsweg ihre Ausbildung machen, engagierter sind als die jungen. „Weil sie es wirklich wollen.“ Die auch in der Landesinnung Steiermark engagierte Martina Kahr und ihre Schwester Katrin sehen ihren Betrieb trotz der immer schnelllebigeren Zeit für die Zukunft gut gerüstet. „Gut, dass das Thema Nachhaltigkeit und bewusstes Wohnen immer mehr in den Vordergrund rückt, auch bei jüngeren Leuten.“ Zukunftsfit machen und am Ball bleiben, heißt das Motto der beiden, da sind sie sich einig. Gepaart mit Leidenschaft und Herzblut. www.tws-kahr.at

Autor: 
Vera Bauer